Die Realität, die dich erzittern lässt

The reality that makes you quiver

Das hier ist kein Märchen, sondern ein ernsthafter Hilferuf. Denn ich, der majestätische Wüstenriese, allgemein bekannt als Köcherbaum, Kokerboom oder //ganas, kann nicht sprechen.

Mein namibischer Lebensraum, der einst vom Brandberg-Gebiet im Damaraland bis hinunter in die Gegend des Oranje-Flusses reichte, wird mit jedem Tag kleiner.

Man erzählt sich, dass die Temperatur in Namibia aufgrund der Erderwärmung, die durch die Ausbeutung dieses Planeten und seiner Ressourcen durch den Menschen verursacht wird, jedes Jahr stetig ansteigt. Und Junge, Junge, wenn du jemals in unseren wunderschönen Wüsten gezeltet und einen zauberhaften Sonnenuntergang zwischen meinen schönen Zweigen beobachtet hast, weißt du, wie heiß meine oberflächlichen, faserigen Wurzeln werden können!

Weißt du, ich liebe es, der einzige Baum in einem sehr trockenen Ökosystem zu sein. Ich zeige der Welt gerne, dass ich in heißen und steinigen Böden überleben und auf felsigen Bergrücken balancieren kann. Eigentlich stehe ich gerne im Rampenlicht und lasse mich gerne in den Prismenfarben der untergehenden Sonne fotografieren. Ich begrüße auch Gemeinschaften von geselligen Webervögeln auf meinen dicken Ästen. Nach 20 Jahren stetigen Wachstums, beginne ich im April und Juni im Süden Namibias meine leuchtend gelben Blüten zu produzieren. Vögel, Insekten und Paviane teilen sich meinen köstlichen Nektar in reicher Fülle inmitten der Wüste. Im Gegenzug ermöglichen sie die Bestäubung.

Ich habe sogar jahrelang die Jäger und Sammler Namibias bei ihrer Suche nach ihrer Proteinquelle unterstützt, indem ich ihnen erlaubte, meine geraden und schmalen Äste zu Köchern für ihre Pfeile zu verarbeiten. Manch erlegter Springbock ist in meinem Schatten gebraten worden. Auch meine umgestürzten Brüder und Schwestern wurden genutzt, indem sie ihre Stämme teilweise aushöhlten. Sobald sie Wasser über die faserige, schwammige Schale gossen, wurde die darin aufbewahrte Nahrung durch Verdunstungskälte einer Brise gekühlt. Heute, glaube ich, erledigt das ein Kühlschrank?

Ich bin ein echtes Stück natürlicher Kunst.

Mein Name mag ein Baum sein, aber in Wirklichkeit leitet sich mein Gattungsname „Aloe“ von griechischen, arabischen und hebräischen Beschreibungen des Wortes „bitter“ ab. Das würde mich dann zu einer Pflanze machen, aber zumindest zu einer sehr coolen Pflanze.

Fünf Jahre dauert es, bis ich vom Samen zu überlebensfähiger Größe heranwachse und noch mehr Zeit nehme ich mir, um meine Zweige in zwei Teile zu teilen, was mir den griechischen Namen „Dichotoma“ einbringt. Aber andererseits braucht wahre Perfektion seine Zeit, oder?

Apropos, ist dir das wärmereflektierende Pulver auf meinem kräftigen Stamm aufgefallen? Dies dient nicht nur als meine persönliche Klimaanlage, sondern hält auch kleine Wüstenbewohner davon ab, an mir zu nagen, was meine Chancen erhöht, in meinem Leben bis zu neun Meter hoch zu werden.

Die Nama, die in meiner Umgebung in der Nähe des Fish River Canyons leben, nannten mich //ganas, was wortwörtlich „zerkratzt“ bedeutet. Meine älteren Kameraden um mich herum in unserem kleinen Wäldchen nahe der Canyon Lodge (wie auch unsere Kollegen nördlich von Keetmanshoop) werden Ihnen zeigen, warum: Unsere Rinde formt durch Temperaturschwankungen schöne Risse und mit der Zeit blättern größere Stücke davon ab.

Willst du mein glorreiches Ich aus dem besten Blickwinkel fotografieren? Dann leg dich auf den Rücken und schaue an Rinde und Blättern vorbei und drücke ab. Du wirst nicht enttäuscht sein.

Eigentlich verlange ich nicht viel zurück. Forscher haben festgestellt, dass der älteste Köcherbaum ein Alter von 300 Jahren erreicht hat. Ich wünschte, mein kleiner Wald und ich würden leben, um diese Geschichte zu erzählen. Aber ohne die Hilfe der Gondwana Canyon Park Ranger, die seit über 20 Jahren meine Samen sammeln und die Setzlinge in einer Gärtnerei – der Holoog Nursery - sorgfältig aufziehen, wäre meine Spezies inzwischen ausgestorben.

Die Ranger haben das „Adopt a Quiver Tree“-Projekt ins Leben gerufen, bei dem alle Touristen und Baumliebhaber auf der Welt etwas tun können, um die Auswirkungen der Erderwärmung zu bekämpfen, die ich jeden Tag erlebe. Somit kann ein jeder einen jungen Köcherbaum adoptieren und ihn in den Gondwana Park verpflanzen lassen. Anhand von GPS-Koordinaten kann das Wachstum und die Entwicklung des Baumes verfolgt werden. Man kann seinen Baum sogar Goliath nennen, wenn man möchte!

Sobald du die Welt wieder bereisen darfst, kannst du mich und alle Jugendlichen besuchen, um meine Ausstrahlung und Energie zu erleben. Nach all dem, was in letzter Zeit auf der Welt passiert ist, kannst du hier deine Seele baumeln lassen und erneut Energie tanken in unserem Wüstenwald. Aber sei gewarnt, es gibt keinen Impfstoff gegen die Erderwärmung. Mit deiner Unterstützung, sorgst du dafür dass deine und meine Kinder eines Tages gemeinsam ein Foto machen können.

Der Gedanke daran lässt mich wirklich erzittern…..

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Chapter 1

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Chariots of Fire

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